Kinder- und Jugendliteratur
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Novemberkatzen
Mirjam Pressler
Beltz Verlag, 2000
ISBN: 3-4077-8079-6
208 Seiten
Inhalt:
Hauptperson des Romans "Novemberkatzen" ist die neunjährige Ilse , jüngstes Mitglied
der Familie Lautenschläger.
Gemeinsam mit ihrer arbeitslosen Mutter und ihren zwei älteren Brüdern wohnt sie im Gemeindehaus,
einem Haus für die Ärmsten. Ihr Vater hat die Familie schon vor Jahren verlassen. Ihre Schwester
wächst bei den Grosseltern im selben Dorf auf.
Ilse ist die Kleinste und Schwächste: Prügel von der Mutter und dem ältesten Bruder sind an der
Tagesordnung. Als die Mutter wieder arbeiten geht, muss Ilse, die gerade erst eine schwere
Krankheit hinter sich brachte, den Haushalt ganz allein bewältigen. In der Schule wird sie
"Ilse Bilse , keiner willse" - von den Mitschülern verhöhnt , von Lehrern für dumm
abgestempelt. Da Ilse keine Freunde hat, ist sie auch sonst allein. Nur zu einem Jungen, der seit
einem Unfall gelähmt ist und das Bett nicht verlassen kann, hat sie Kontakt.
Schliesslich wird die Mutter auch noch schwanger...
Die Problemstellung des Buches ist die Isolation von Ilse und das Aufwachsen in beengten und
schwierigen sozialen Verhältnissen.
Ilse leidet stark unter der Abwesenheit des Vaters. Ängste und Aggressionen sind Dinge, die sie
selbst erfährt und nur schwer einordnen und verarbeiten kann. Sie flüchtet in Träume und
Phantasien. Sich selbst zu überwinden, über Probleme zu sprechen, sie damit offen zu legen und
somit eine Möglichkeit zu haben diese zu lösen, ist eine weitere Problemstellung des Buches.
Ilses mühevoller Weg, Schritt für Schritt sich einen Platz in dieser Welt zu erobern, ist Thematik
dieses Romans.
Höhepunkte des Romans sind zweifelsohne, die sich anbahnende Freundschaft zu dem gelähmten Jungen,
der Besitz einer eigenen Katze, die sie bei der Oma unterbringt und der Besuch beim Vater. Dieser
Besuch weckt in ihrer Phantasie Vorstellungen von Liebe, Wärme und Zuneigung und natürlich von
tollen Geschenken. Doch an Heiligabend kehrt sie ernüchtert wieder heim: Ihre Hoffnungen und
Träume erfüllten sich wie immer nicht im Geringsten.
Als letzter Höhepunkt des Buches ist das Ende des Jahres, der Jahreswechsel anzusehen. Mit dem
Resumee: "Nächstes Jahr ist wieder ein Jahr. Ein Jahr und noch ein Jahr."
Und dieses Zitat belegt die Quintessenz des Buches: Hoffnung kann und sollte man in jeder
Situation des Lebens haben. Auch wenn das Schicksal dich noch so hart trifft. Glaub an dich! Sorge
dich nicht! Lebe!
Kommentar:
Der Roman ist für Leser ab etwa 12 Jahren geeignet. Jüngeren Lesern würde ich dieses Buch nicht
unkommentiert, ohne Vorbereitung und späterer Auseinandersetzung mit einzelnen Situationen
(Mißbrauch, Prügel, Alkoholexzesse etc. ) in die Hände geben.
Das Thema ist mit Sicherheit von Kindern/Jugendlichen zu bewältigen, vielmehr ist es eine
Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen, der Kindheit und somit ein guter und hochwertiger
Gegenpol zur Masse, der in größeren Mengen konsumierten Comic-, Phantasy-, Science-Fiction- und
ähnlichen Sparten. Die Bewältigung der Problemstellungen liegt, je nach Alter und Entwicklung der
Kinder, auf dem Aushalten und Miterleben der schwierigen Lebenssituationen des Mädchens und hier
liegt für jedes Kind die Aufgabe. Danach könnte für jedes Kind das Bewältigen der Probleme in
Gedanken stattfinden.
Das Buch ist eher ein ruhiges und leises Buch, das Interesse am Leben der benachteiligten Ilse
wecken will und somit schon eine gewisse Spannung erleben lässt. Doch dies ist sicherlich keine
Spannung im herkömmlichen Sinne, vielmehr ist es die spürbare Spannung Ilses, die den Leser dazu
veranlasst weiterzulesen. Wie geht ihr Leben weiter? Wann lehnt sie sich endlich gegen soviel
Ungerechtigkeit auf? Wann zeigt sie allen, was sie alles kann? Hat sie irgendwann nochmal richtig
Glück? Darf sie ihre Katze behalten? Kann sie in dem gelähmten Jungen, falls sich sein Zustand
je ändern sollte, einen guten Freund finden?
Die Autorin verwendet eine prägnante und direkte Sprache, die dem Leser die Möglichkeit gibt
sich in die soziale Schicht und die Umgangssprache der Charaktere hineinversetzen zu können. Die
Sprache der Charaktere ist auf Sachliches konzentriert, Gefühle bzw. Gefühlsregungen werden
höchstens in Taten, Handlungen oder Gedanken ansatzweise aufgezeigt.
Der Autor ist allwissend und tritt teilweise bewertend auf.
Der Roman "Novemberkatzen" von Mirjam Pressler ist meiner Meinung nach trotz der
Anhäufung von Elend, eine leise einfühlsame Geschichte.
Mirjam Pressler schafft es, dass der Leser sich sehr gut mit Ilse identifizieren kann und somit
Stellung gegen Ungerechtigkeit, Vorurteile und dergleichen beziehen kann. Man ergreift Partei für
das ungerecht behandelte Kind und wird somit hellhörig auf derlei Taten.
Aus Gesprächen mit anderen Lesern, die selbst gerade 12 Jahre alt waren, konnte ich erkennen, dass
das Buch weniger abschreckt und erschüttert sondern hilft, andere benachteiligte Kinder zu
verstehen und sich nicht als etwas Besseres zu sehen.
Ich fand das Buch sehr interessant, da es kein gewöhnliches Buch ist. Es beschreibt realistisch
die Lebens-, Gefühls- und Gedankenwelt eines jungen Mädchens, das versucht das Beste aus ihrem
Leben zu machen. Wie wir alle.
Doch hat sie denkbar schlechtere Voraussetzungen als andere.
Man entwickelt während der Geschichte ein sicheres Gespür für das seelische Befinden und die
realen Probleme mit denen sich Ilse tagtäglich auseinandersetzen muss.
Mirjam Pressler beschreibt das Leben dieses Mädchens mit einer äußerst intensiven, schnörkellosen
Klarheit und Offenheit, der auch erwachsene Leser "verfallen" können, so wie ich das tat.
(ab)
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